Presse  
 

KStA , 13.November 2008
Auch Mädchen können schlagen
Die Leverkusener Regisseurin Petra Clemens hat aus dem Buch für die Stadt ein Theaterstück gemacht. Auf der Bühne des Lise-Meitner-Gymnasiums traten junge Schauspieler ins Scheinwerferlicht.

Leverkusen - Bückt euch, grabt und buddelt unterhalb der Oberfläche. Denn nur dort ist Verstehen möglich. Diesen Appell richteten das W.Erk-Theater und das Junge Theater Leverkusen an Eltern, Schüler und Lehrer. Im Lise-Meitner-Gymnasium führten sie das Theaterstück „Nicht Chicago. Nicht hier.“ auf. Nun ist das Buch mit diesem Titel inzwischen recht bekannt, wurde es doch vom „Kölner Stadt-Anzeiger“ für seine Aktion „Ein Buch für die Stadt“ ausgewählt. Als Bühnenstück aber kannte man es bislang nicht.

Petra Clemens hat die Geschichte von Nico und Zoe fürs Theater umgeschrieben. Heraus kamen eine Menge kleiner Szenen, die ganz einfach und schlicht und ohne großes Brimborium Mobbing bei Schülern thematisieren – oder besser: bei Schülerinnen. Denn die beiden Hauptakteure sind bei Petra Clemens Mädchen. Damit entzaubert sie die Weiblichkeit. Ja, auch Mädchen können schlagen und beleidigen, können treten und per Telefon terrorisieren, ist die Botschaft. Längst spielen sich solche Brutalitäten nicht nur in Jungenkreisen ab. Petra Clemens hat es geschafft, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren. Innerhalb von nur einer Stunde war den Zuschauern klar, wie Mobbing innerhalb einer Schülergruppe funktioniert.

Langsam, aber stetig wird die Gemobbte eingeschüchtert und ihrer ehrlichen und vertrauten Kontakte entzogen. Niemand glaubt ihr mehr. Überaus glaubwürdig spielte Laura Bakowsky die Getretene. Die geplanten und wohldurchdachten Anschläge von Zoe und der zunehmende Vertrauensverlust machen das Mädchen verzweifelt. Und diese Verzweiflung und Hilflosigkeit war in der letzten Ecke der Aula spürbar. Da mochte man ihr selbst den Wunsch „ich hau ihr die Fresse ein“ nicht übel nehmen. Ja, und dann Zoe auf der anderen Seite. Yavanna Pütz spielte dieses dreiste, immer kaugummikauende Mädchen, das seine Mitschülerin wie einen „Klumpen Kotze“, wie „Schmutz und Dreck“, wie einen „Haufen Scheiße“ behandelt. Yavanna Pütz machte das hervorragend.

Die Geschichtslehrerin ergreift Partei für die doch ach so nette Zoe, die zwar „etwas unnahbar“ sei, aber der man einfach nur helfen müsse. Eine klare Botschaft an Pädagogen, sich nicht blenden zu lassen, sondern stattdessen zu buddeln und zu graben, um zu verstehen. Denn in erster Linie gehe es doch darum, einen Menschen vor seelischen und körperlichen Traktierungen zu schützen, erst in zweiter Linie darum, einen Mobber zu verstehen und ihm zu helfen.

Die jungen Akteure der beiden Theater hatten genau nur eine Woche Zeit, sich in das Thema einzufühlen und ihre Rollen zu studieren. Und das machten sie wirklich prima, vielleicht auch deshalb, weil die Schule für sie noch so nah ist. Die Premiere im Lise-Meitner-Gymnasium war gleichzeitig die letzte Vorstellung. Schade eigentlich. Link und Bilder
Ulla Jonen



Der Westen, 21. August 2008
Schulfest in der Oberilp
Auch 2008 ist es der Gemeinschaftsgrundschule Oberilp in Zusammenarbeit mit der Leverkusener Film- und Theaterregisseurin Petra Clement gelungen, Fördermittel aus dem Landesprogramm „Kultur und Schule“ zu erhalten.

Heiligenhaus - Nun startet am 25. August die Projektwoche „Zahlenzauber“ – Eine Reise in die Welt der Zahlen. Petra Clement wird gemeinsam mit allen Kindern der Schule und ihren Lehrerinnen ein Musical erarbeiten, in Szene setzen, filmen und schließlich der Öffentlichkeit vorstellen.

Vom Erlernen der Lieder über Choreografie, Bühnenbild, Improvisationsspiel und Kameraführung werden die Kinder selber die Hauptaktiven sein. Jeden Tag von 8 bis 11.35 Uhr und nachmittags in der Ogata wird geübt, trainiert, gebastelt und gebaut.

Am 29. August schließlich wird im Rahmen eines Schulfestes das Geprobte vorgeführt. Bei schönem Wetter auf dem Schulhof der Grundschule, bei Regen in den Innenräumen. Start und erste Aufführung ist um 15 Uhr. Zusätzlich gibt es einen Stationenlauf zum Thema „Zahlen“, die Cafeteria bewirtet die Gäste mit selbstgebackenen Kuchen und Spezialitäten aus den Heimatländern und schließlich werden Filme vorgeführt: vom letzten Projekt mit dem Bildhauer Berthold Welter und vom Tanzfest der Schulen.Das Schulfest endet um 17.30 Uhr. Zum Mitmachen, Gucken und Dabeisein wird herzlich eingeladen.
Michael Nußbaum
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Witziges unter dem Schutzhelm
KStA, 19.Mai 2008
Das Ballett der Pariser Oper tanzte vor dem Kulturausbesserungswerk in Opladen. Dort wurde „Das Phantom der Oper“ in einer schrägen Inszenierung der Leverkusener Regisseurin Petra Clemens aufgeführt.

Das Kulturausbesserungswerk (KAW) in Opladen ist zurzeit eine Baustelle, denn das Autonome Zentrum für Kultur und Politik wird umgebaut. Für Regisseurin Petra Clemens ist das jedoch kein Hinderungsgrund. Kreative Köpfe wie sie arrangieren sich mit den Gegebenheiten und verhelfen ihren Stücken zum ganz besonderen Charme. Statt in einer feinen Spielstätte bekamen die Zuschauer „Das Phantom der Oper“ am Sonntagabend in und vor dem KAW zu sehen. Ist ja schließlich „Impertinale“-Zeit und wer sich im Rahmen dieses Festivals präsentiert, darf und soll zugleich irritieren und unterhalten.

Herrlich schräg kam die Dreiecksgeschichte um die schöne Sängerin Christine (Laura Bakowsky), den jungen Grafen Raoul (Markus Lingstädt) und das Phantom (Benjamin Trzeciak) denn auch daher. Ob als Roman, Bühnenfassung, Film oder Musical - das „Phantom der Oper“ ist seit hundert Jahren im Kulturbetrieb präsent. Aber dass die Zuschauer die Kulisse nur mit Schutzhelmen betreten können, dürfte eine Neuheit sein. Für eine Szene in der Garderobe der Pariser Oper folgte das überwiegend junge Publikum Petra Clemens und den Akteuren in die große KAW-Halle, der zurzeit das Dach fehlt. Weil nicht genügend Helme für alle da waren, wurde die Szene so lange wiederholt, bis sie jeder gesehen hatte. Sehenswert war das Spiel ohne Sprache allemal. Die Akteure erzählten die Geschichte nur durch Mimik und Gestik, Patrick Steiner fungierte als Sprecher, die Regisseurin gab ihre Anweisungen spontan per Megaphon. Dazu gab es Live-Musik mit Keyboard und Gitarre, für den Gesang sorgten zwei renommierte Darsteller. Eric Rentmeister, der an der Folkwang- Hochschule in Schauspiel, Gesang und Tanz ausgebildet wurde, sang mit Claudia Sowa, eine von drei künstlerischen Leiterinnen des Jungen Theaters. Dort stand auch Rentmeister früher auf der Bühne. Die Kooperation Leverkusener Künstler mit W.Erk-Theater, matchboxtheater und dem Jungen Theater Leverkusen war kurzweilig und gespickt mit witzigen Momenten.
Ana Ostric - Link und Bilder


KStA, 16.September 2007
Was ist gerecht, was ist gut?
Das Junge Theater feierte am Freitagabend Premiere von „Bash! - Stücke der letzten Tage“. Wie passieren Morde? Die Antwort: Sie passieren beiläufig. Das Junge Theater feierte am Freitagabend Premiere von „Bash! - Stücke der letzten Tage“.

Wie passieren Morde? Die Antwort: Sie passieren beiläufig. Zumindest die drei, von denen Autor Neil LaBute seine Protagonisten berichten lässt. Menschen wie Du und ich sitzen auf der Bühne und erzählen, nehmen das Publikum mit auf eine Reise in die jüngere Vergangenheit und die Abgründe vermeintlicher Durchschnittsmenschen.

Der Geschäftsmann (Benjamin Trzeciak) zum Beispiel. Er lässt sein Baby unter der Bettdecke ersticken. Die Angst, seinen Job zu verlieren, lähmt ihn, als die kleine Emma seine Hilfe braucht. Doch er rührt sich nicht. Einen Mann, der sein Kind verloren hat, feuert man doch nicht. „Das Schicksal hat sie uns genommen“, sagt er.

„Bash! „Bash“ steht im Englischen sowohl für Party als auch für Schlag. Manchmal ist die Party mit einem Schlag vorbei, so wie bei Hanna und Samuel. Schick haben sich die beiden gemacht, weil sie zur großen Sause nach Köln fahren. Nobelhotel, Tüllkleid und die beiden Schüler wahnsinnig verliebt ineinander. Hanna (Melissa Pohlman) hält sich an ihrer Halskette fest wie an einem Rettungsanker, als sie vom Abend in der Großstadt erzählt. Einem Abend, der nichts verändert hat. Einen Homosexuellen haben Samuel (Sven Golze) und seine Freunde tot geprügelt. Ruhig berichtet er davon, rechtfertigt sich, die Hände vor der Brust verschränkt, mit einem Schulterzucken: „Ich kenne die Bibel und das ist unrecht.“ Ende der Durchsage. Rückfahrt nach Hause und ab zur Gemeindeversammlung. Das fünfte Gebot erwähnt er nicht.

Regisseurin Petra Clemens will mit „Bash!“ zum Nachdenken anregen: Was ist gerecht, was ist gut? Die drei Episoden bringen jene Schlagzeilen, mit denen wir tagtäglich konfrontiert werden, nahe, verleihen Mordmeldungen ein Gesicht. So wie das von Schauspielerin Mirka Pigulla. Ein hübsches Gesicht, aber gezeichnet, die Mundwinkel hängen nach unten. Nervös spielt die Frau mit einem Feuerzeug. Immer wieder macht sie lange Pausen, träumt sich mit geschlossenen Augen weg. Mit ihren Worten bestimmt sie, wie viel sie von ihrer Geschichte preisgeben will, Stück für Stück fügt sich das Bild zusammen.

Als Teenager geschwängert von ihrem Lehrer, der die Flucht ergreift. Sie spricht leise, doch die Wut bricht immer wieder durch. Nach 14 Jahren ein einziges Wiedersehen: Vater, Mutter, Kind. Weil sie im Blick des Vaters die Genugtuung sieht, dass er damals davon gekommen ist, muss einer sterben. Das letzte Stück des Abends ist dank Mirka Pigulla besonders bemerkenswert. Und Petra Clemens hat ihr Ziel erreicht. Mit einem Kopf voller Fragen geht es ab nach Hause. Bash! Ende der Vorstellung, aber nicht der Durchsage.

Weitere Aufführungen von „Bash- Stücke der letzten Tage“ gibt es am 26. und 27. Oktober sowie am 23. und 24. November, jeweils um 20 Uhr im Jungen Theater, Wiembachallee 42.
Ana Ostric - Link




KStA, 11.Oktober 2004
Schocker, der an die Nerven geht
Beklemmend und ironisch: „Popcorn“ am matchbox-Theater in Hitdorf.

Sie schreiben es sogar dazu, die Leute vom matchboxtheater: „Dieses Stück ist für Menschen unter 14 Jahren NICHT geeignet.“ Was mag das wohl geben, denkt man da mit Blick auf den Titel des Stücks: „Popcorn“. Wen es allzu sorglos ins Theater treibt, der erlebt selbst dann noch sein blaues Wunder, wenn er nach einigen Minuten denkt, die soeben vernommenen bösen Wörter seien wohl der Grund für die Altersbeschränkung.

Denn da hätte man die Rechnung ohne Petra Clemens gemacht, die Leverkusener Regisseurin und Filmemacherin mit dem Hang zum schwarzen Schrecken, und ohne Dirk Volpert - gemeinsam haben sie das Stück aus der Feder des Briten Ben Elton inszeniert. Geschickt nutzten sie die düstere und beengte Atmosphäre in dem völlig abgedunkelten, kleinen Theatersaal. Was bei so netten wie blutrünstigen Komödien wie „Kille Kille“ noch einen wohligen Schauer bei den Zuschauern hervorrief, steigerten Clemens und Volpert nun streckenweise zu echter Beklemmung.
Den Darstellern gelingt der Drahtseilakt zwischen dem ironisch-zynischen Humor des Stücks und den präsentierten Taten eines mordenden Psychopathen-Pärchens beeindruckend.
Besonders die Gewaltszenen hinterlassen beim Publikum nachhaltigen Eindruck - mancher Zuschauer vergisst glatt Luft zu holen.
Benjamin Trzeciak gibt den Psychopathen Wayne betont ruhig, mit gleichgültigem Blick und dennoch explodierendem Temperament. Melanie Rehbein spielt Scout, die Freundin des Mörders, glänzend: Ein Dummchen, das dem Killer mit bewunderndem und zugleich irrem Blick ergeben ist.
Stefan Zöller als Regisseur Bruce Delamitri, der gerade einen Oscar für einen gewalttätigen, Kontroversen auslösenden Film erhalten hat, zeigt die Machtlosigkeit des Künstlers, der sich mit der Realität konfrontiert sieht.
Annika Siller beeindruckt als Nacktmodel Brooke Daniels nicht nur beim Strip, sondern auch als Opfer, ebenso wie Delamitris Frau Farrah (Sabine Kämper) und Tochter Velvet (Tina Wollenhaupt). Etwas schwach dagegen, weil deutlich weniger effektvoll inszeniert, ist der Höhepunkt des Stücks, das Streitgespräch zwischen Delamitri und Wayne.

Die Absurdität, mit der ein Regisseur von Brutalorgien und ein mordender Psychopath ihre Taten zu rechtfertigen suchen, wird eher lieblos von der Bühne geschlabbert.
Dennoch lag es nicht an der schlechten Qualität der Darbietung, dass einige Zuschauer noch vor Ende den Saal verließen. Ganz im Gegenteil: Immerhin kamen sie zum Applaudieren wieder zurück. Wer die Nerven dazu hat, sollte sich diesen Schocker nicht entgehen lassen.
Stefan Andres


 

KStA, 14.Oktober 2004
Große Wirkung mit kleinen Mitteln
Riesiger Publikumsandrang beim 1. Grand Prix du Film de NRW.

"Es gibt keinen Sitzplatzanspruch!" Das war der meistgesagte Satz von Mitorganisatorin Petra Clemens bei der Preisverleihung des 1. Grand Prix du Film de NRW, des Kurzfilmpreises, der am vergangenen Samstag im Kulturausbesserungswerk seinen Höhepunkt fand.
Dem zahlreich erschienenen Publikum, das weit über die Zahl der gestellten Stühle hinausging, und der Jury wurden zunächst die Filme der in der Woche zuvor ermittelten Finalisten gezeigt.
Und dann wurde es spannend- und schwer für die Jury. Diese verteilte nämlich nach guter alter Grand-Prix-Manier zwischen einem und zwölf Punkten - und hatte es dabei wirklich nicht leicht.
So beschwerte sich Jurymitglied Markus Franke, Betreiber des Scala-Kinos in Opladen, augenzwinkernd darüber, dass die Teams es ihm so schwer gemacht hätten, da die allgemeine Qualität so hoch und eine Bewertung daher schwierig gewesen sei.
Das war auch die einhellige Meinung der achtköpfigen Jury, und so gab es gleich drei drittplatzierte Beiträge.

Zum einen die "Siebenjungencrew" mit dem Actionfilm "Ich verfluche dich", "Sinus und Cosinus" mit dem Heimatfilm "Kurierfahrt durch die Nacht" sowie das Leverkusener Team "Montagsdarter" mit dem Science-Fiction-Film "Montags ist Hüte tragen verboten". "GI-Productions" ist der Name des zweitplatzierten Teams. In ihrem Krimi "Warum?" hat ein Mann, in einem Taxi sitzend und von einer Frau mit einer Waffe bedroht, fünf Minuten Zeit zu erklären, wo ihr Koffer geblieben ist. Das tut er, und die abstruse Geschichte brachte das Publikum ein ums andere Mal zum Lachen.

Eindeutiger Sieger

Der mit 106 von 108 möglichen Punkten überragende Sieger war aber das Team "Nebulae Pictures", das mit seiner Dokumentation "Guten Tag und auf Wiedersehen" schon der Favorit beim Publikumsvoting war.
Erzählt wird auf lustige Weise die Geschichte der Mühlheimer Straßenecke Münzstraße / Kohlplatz.
Und dafür hat sich das Team viele kleine lustige Episoden einfallen lassen; mal mit prominenten Protagonisten, mal nicht. So wird erzählt, dass Maria Callas an genau dieser Ecke ihre Verlobung mit Aristoteles Onassis löste, Watson hier Holmes traf oder Max Planck zur Quantenphysik kam.
Aber auch alltäglichere Begebenheiten, wie zum Beispiel Prügeleien oder ein junger Mann, der sein Geschäft an der Häuserecke verrichtet, werden gezeigt.
Das Set ist sehr einfach: Man nimmt einfach die Häuserecke und erzählt viele kleine Geschichten vor ihr, teilweise sogar im Zeitraffer. So bekam das begeisterte Publikum noch mehr Geschichten zu sehen, als eigentlich in die fünf Minuten gepasst hätten. Untermalt wird das Ganze von einfacher Akustikgitarren-Musik. Ein Beitrag, der nicht durch Aufwand, sondern durch Kreativität besticht und daher Publikum und Jury gleichermaßen überzeugen konnte.
Ein verdienter Sieger eines Festivals also, das, eingedenk der sehr kurzen Produktionszeit von nur 48 Stunden, erstaunlich viele gute Filme hervorgebracht hat.
Das große Publikumsinteresse zeigt, dass so etwas auch in Leverkusen gut ankommt und so hoffen alle - Publikum und Teams - auf eine Fortsetzung im nächsten Jahr.
www.2880-grandprixdufilm.de
Matthias Lüdecke


KStA, 12.Juli 2004
Gelungene "Nibelungen"
Am "kunstfluss wupper" erhielt die uralte Nibelungensage Pfeffer.

Petra Clemens inszenierte den "Siggi" nämlich als absurdes Theater. Und jeder verstand, worum es ging. Ein dicklicher Drache wälzt sich durch die Botanik an der Wuppermündung in Rheindorf. Ein Schatz ist im Spiel. Und wenn der Held in Ballonseide und Badelatschen daherkommt, dann ist die Geschichte erst recht spannend.
Die Leverkusener Regisseurin Petra Clemens hat in der vom Kulturbüro der Stadt veranstalteten Aktion mit dem "matchboxtheater", den "Hüpfratten" und dem "W.-Erk-Theater" ein wunderbares Spektakel auf die Beine gestellt.
Viele, die zur Aufführung innerhalb des Kunstprojekts "kunstfluss wupper" gekommen waren, waren richtig dankbar, dass der verquaste Stoff aus dem Nibelungenlied so erklärt wurde, dass keine Fragen mehr offen blieben.
Absurd und improvisiert war das Theater und Stefan Zöller als Siegfried, Kirstin Rothart als Brunhilde, Markus Cichowitcz als Gunther und Pia Axmacher als Kriemhild waren so herrlich martialisch, motzköpfig, trotzig und heldenhaft, dass man gerne länger zugeschaut hätte.
Sogar die Mannschaften der vorbeifahrende Schiffen waren von der Kulisse gefesselt. Schon im vergangenen Jahr hatte das "W.-Erk-Theater" mit seiner Schwanensee-Produktion an gleicher Stelle gezeigt, wie schön Klamauk mit einfachen Mitteln sein kann. Petra Clemens hat auch diesmal alle Akteure auf originelle Weise eingebunden - egal ob Komparse oder König.
Als "Siggi", der Suchende, mit seinem verbeulten Schwert in den tiefen Wald aufbricht, hüpfen ihm ein paar hübsche Bäume entgegen, deren Blätter seltsamerweise viel Ähnlichkeit mit den benachbarten Sumpfgewächsen der Wuppermündung haben.

Grün auf dem Kopf

Neben dem niedergemetzelten Drachen Fafner wird eine Zinkwanne aufgestellt, damit Siegfried im Blut baden kann, um nie mehr verletzt zu werden.
Die Tarnkappe funktioniert so wie bei der Bundeswehr: Viel Grün auf den Kopf - und man fällt überhaupt nicht mehr auf. Als Erzähler brachte Berthold Kastner eine köstliche Süffisanz in den strengen Text. Das "Lindenblatt auf dem Schulterblatt", welches ja trotz des Bads einen wunden Punkt frei lässt, flatterte richtig - allein durch Kastners Lesestimme.
Gibt man im Internet das Suchwort "Nibelungen" ein, könnte man denken, den Schatz schon gefunden zu haben. Selbst ernannte Heiden huldigen dem sagenhaften Stoff, und Seiten über Richard Wagner schwappen auf den Bildschirm. Das Nibelungenlied soll im späten Mittelalter zu den beliebtesten Dichtungen der Deutschen gehört haben, im 16. Jahrhundert geriet es in Vergessenheit und wurde 1750 wiedergefunden.
Seither wird gerätselt, wo der Schatz versenkt worden sein soll. Ist es das im 13. Jahrhundert überschwemmte Lochheim am Rhein? Die Gelehrte streiten sich über die Lokalitäten. Mit Duna könnte nicht Donau sondern Dhünn gemeint sein und der Schatz? Der könnte auch in einer der vielen Höhlen im Sauerland versteckt sein.
Jetzt spielte alles an der Wupper. Da sich diese hervorragend eignet, Menschen zusammenzubringen, haben die Organisatoren des Projekts "kunstfluss wupper" alle Hebel in Bewegung gesetzt, Kreativität entlang des Flusses zwischen Marienheide und Rheindorf zu wecken. So zeigten Schüler der Hugo-Kükelhaus-Schule und der Erich-Kästner-Grundschule ihre "Wuppergeister" - fröhliche, angstmachende und außerirdische Wesen aus Naturmaterialien.
Außerdem waren das Haus der Jugend Kolberger Straße mit der Aktion Hip-Hop-Mobil dabei. Entstanden ist ein Wupper-Graffito auf Leinwand.
Jan Sting


Rheinische Post, 16.März 2004
"Adressat unbekannt" - Briefe zeigen den Wandel
Die Antwort war "Nein". Das erhoffte "Ja" zur Freundschaft wurde verweigert. Das letzte Zeichen war die Rücksendung eines Briefes mit dem Hinweis: "Adressat unbekannt".

Diesen Briefroman inszenierte Petra Clemens in einer szenischen Lesung im Kulturausbesserungswerk in Opladen. Eine Fiktion, die mehr über die damalige Realität verriet als mancher Tatsachenbericht. Denn aus einer engen, deutsch-jüdischen Freundschaft wurde Feindschaft. Die Briefe dokumentieren diesen Wandel.

Bruch einer Freundschaft

Mit der Rückkehr von Martin Schulse (Wolfgang Müller) in seine Heimat Deutschland im Jahr 1932 begann der Wandel. Freund und Geschäftpartner Max Eisenstein (Klaus Huber) führt in Kalifornien die gemeinsame Galerie weiter. In seinen Briefen trauert Max der gemeinsamen Zeit hinterher, während Martin von seinem neuen Leben schwärmt. Immer mehr Sorge schleicht sich in die Briefe von Max. Die neuen Verhältnisse unter Adolf Hitler beunruhigen ihn. Auch Martin zweifelt zunächst am "Mann der Tat", aber bald sind seine Zweifel aus dem Weg geräumt. Er bekleidet ein öffentliches Amt und wird Parteimitglied. Martin verbietet das Senden weiterer Briefe an seine Privatadresse, denn er weiß jetzt: "Die jüdische Rasse ist ein Schandfleck und wir sind keine Freunde mehr.
Max schreibt weiter. Der Bruch der Freundschaft ist mit dem Tod von Griselle, der Schwester von Max, endgültig. Auf der Flucht vor SA-Männern sucht sie Unterschlupf bei Martin, der sie abweist und Hilfe verweigert. In seiner Verzweiflung über den Tod seiner Schwester und Martins Wandel verfällt Max dem Wahnsinn. Seine Briefe an Martin sind wirr und erinnern an Codes. Dieser bekommt Schwierigkeiten mit der Partei und fürchtet sein Ende im KZ. Diese Befürchtung scheint wahr zu werden: Der unbekannte Adressat ist Martin.

Originale von 1933

"Unerwartet ist die Tatsache, dass beide verloren haben", erklärte Regisseurin Petra Clemens.
"Sie waren gegen die Entwicklung machtlos." Bewusst wenig Requisite wurde bei der Inszenierung verwendet. "Es sind Originale aus der Zeit von 1933", erzählte die Regisseurin. "Der Text wurde in den Mittelpunkt gerückt."
Eine Herausforderung war die szenische Lesung nicht nur für die Regie, sondern auch für das Kabarettistenduo Klaus Huber und Wolfgang Mül1er. Die beiden Freunde spielten das erste Mal diese Rolle. Die Premiere war ausverkauft, die Wiederholung auch. "Besser kann es nicht laufen", freute sich die Regisseurin. "Das Feedback war durchweg positiv."
Jetzt soll das Stück für Schulen adaptiert werden.
kie


Rheinische Post, 11.Februar 2004
Leverkusens kleinste Sitzung war wieder eine Verquickung von Karneval und Kabarett
Zum Schreien komische "Hüpfratten"

Opladen. Diese Nager sorgten nicht nur für panische Schreie des weiblichen Teils des Publikums, sondern für lautes Gelächter im Café des KulturAusbesserungswerks. Zum ersten Mal traten die "Hüpfratten" bei Leverkusens kleinster Sitzung auf - und waren in ihren bunten Kostümen und Improvisationstheater-Einlage zum Schreien komisch. Nicht umsonst ist der Name der Leverkusener Gruppe an die Bonner Springmäuse angelehnt.

Geschichten aus Zurufen

Wie die Bonner Truppe aus der ehemaligen Bundeshauptstadt machten sie aus Zurufen aus dem Publikum einzigartige weil spontan kreierte Geschichten. Die Vorgabe "als Nikoläuse Ostern auf der Straße im Hederichsfeld" setzte das fünfköpfige Ensemble gekonnt um. Dabei mussten sie bei ihren Einlagen als zusätzliche Erschwernis in der Reihenfolge des Alphabet durchqueren. Gegründet hat die "Hüpfratten die in unterschiedlicher Besetzungsstärke ihre Auftritte haben, Petra Clemen. Sie gab auch den Anstoß für den Auftritt bei Leverkusens kleinste Sitzung. Den vor seinem Tod im vergangenen Jahr hatte Organisator und Sitzungspräsident Johannes Boddenberg sie um das Mitwirken bei der Veranstaltung gebeten. Ohnehin war "Jobo" bei der ersten "kleinsten Sitzung" ohne sein Mitwirken doch irgendwie präsent. Nicht nur, weil die erfrischende Verquickung von Karneval und Kabarett, die längst Kultstatus erreicht hat, seine Idee war. Auch, weil sich seine Mitstreiter überlegen mussten, ob und wie sie weitermachen. Ein Organisationskomitee kümmerte sich um die Durchführung der Veranstaltung. Und Boddenbergs Ableben wurde so ins Programm integriert, wie er selbst es sich wohl gewünscht hätte - in Form einer Programmeinlage.

Auch ohne Jobo weitergemacht

Rückwärts laufend und singend (manch einer brauchte etwas, bis er "Nesukrevel" als umgedrehtes "Leverkusen" erkannte) kamen die Mitwirkenden zu Beginn auf die Bühne. "Wir haben versucht, die Zeit zurück zu drehen Denn er ist nicht mehr da, unser Sitzungspräsident", sagte Wolfgang Müller-Schlesinger in seiner Paraderolle als betrunkener Prinz Karneval. "Wir sind uns sicher, dass Jobo gewollt hätte, dass die Sitzung weitergeht - auch ohne ihn" erklärte er weiter. Eins ist klar. Wenn Boddenberg, wie der Karnevalist sagt, vom "Himmelspötzche" aus zugeschaut haben sollte, wird ihm die Kleinste Sitzung so viel Spaß gemacht haben, wie schon zu Lebzeiten.
Denn das Programm mit den "Hüpfratten", den Percussion-Künstlern der Musikschulgruppe "Notausstieg", dem Chor Freitag mit seiner Castingshow-Einlage "Freitag sucht die Super-Stimm", den "Eisheiligen" und Kabarettisten wie Müller-Schlesinger, Michael Meierjohann (mit Sohn Nikolai), Mark Welte, Bertold Kastner und Jörg Fabrizius begeisterte.
Tobias Krell